Den Nichts-Tun-Tag in Glasgow geniesse ich ja. Die Sonne hat sich hinter Wolken versteckt und so lässt es sich im Schatten der Bäume wunderbar aushalten.
Gegen Abend gehe ich dann mit meinen Lieblingsmenschen gemeinsam in die Pizzeria.
Für mich gibt es diesmal nichts, aber ich habe auch gar nicht so einen großen Hunger und gebe mich damit zufrieden, unter dem Tisch zu schlummern. Außerdem ist es hier drinnen angenehm kühl und so bin ich gar nicht damit einverstanden, dass ich wieder mit raus muss, nachdem mein Lieblingsmensch alles aufgegessen hat. Von mir aus, könnte sie alleine gehen, den Weg zum Zelt finde ich auch alleine.
Am nächsten Morgen soll es dann wieder losgehen.
Sobald mein Lieblingsmensch anfängt, ihre und meine Schlafstätte zusammenzurollen, weiß ich, dass das Faulenzen ein Ende hat.
Wie gut, dass ich solange liegen bleiben kann, bis wirklich alles im Rucksack verschwunden ist.
Und dann der Schreck: Eines der Ladegeräte, mit denen das Telefon unterwegs aufgeladen wird, funktionierte nicht mehr.
Vielleicht hat es die Hitze nicht vertragen, obwohl es genau wie ich im Schatten gelegen hat.
Ob ein Ladegerät ausreichend ist für die folgenden Tage?
Mein Lieblingsmensch macht sich wohl ein paar Sorgen, doch erstmal müssen wir zurück zum Trail.
Der Shuttlefahrer kommt erst spät und es wird schon wieder sehr heiß.
Er kommt nicht alleine, ein anderer Zweibeiner und ein Hund sitzen bereits im Auto. Der Zweibeiner ist ja ok, aber der Hund? Der muss nun wirklich nicht sein.
Gut, dass wir ganz hinten sitzen können und der andere Hund kommt ganz nach vorne und der Zweibeiner dazwischen.
Ich bin trotzdem froh, als wir aussteigen können.
Es ist mittlerweile so heiß, als wir schwitzend und hechelnd nach einer Stunde das nächste Shelter erreichen.
Weiterlaufen bei der Hitze? Nein, wir bleiben dort und verbringen den Tag mit Nichtstun. Da hätten wir auch in Glasgow bleiben können.
Aber mich fragt ja keiner.
Die Nacht ist schrecklich warm und ich bekomme wieder ein nasses Handtuch auf mein Fell zum Abkühlen.
An einen erholsamen Schlaf ist nicht zu denken, denn zu der Wärme kommen jetzt laute Geräusche dazu, die auch mich die Ohren spitzen lassen.
Nach Schwarzbär hört es sich nicht an, trotzdem sehr beunruhigend.
Sobald das erste Tageslicht durch das Zelt scheint, wird es wieder ruhig.
Mein Lieblingsmensch hat mittlerweile beschlossen, den nächsten Stop in Buena Vista einzulegen, um Telefon und Ladegerät neu aufzuladen.
Die Zweibeiner und ihre komischen Geräte. Meine Nase funktioniert immer und den Trail, die Zeltplätze und Shelter finde ich auch ohne Telefon.
Aber gegen eine erneute Pause hatte auch ich nichts einzuwenden.
800 Meilen sind geschafft!
Ein bisschen Geschichte:
Eine sehr traurige Geschichte von einem kleinen Jungen, der mit seinen Schulkameraden Feuerholz für den Ofen im Klassenzimmer sammeln sollte und sich dabei verlaufen hatte.
Die sofortige Suche nach ihm blieb erfolglos, da keiner auf die Idee kam, dass Ottie den Weg hoch zum Bluff Mountain gegangen ist.
Monate später fanden Jäger die Überreste von Ottie, der wahrscheinlich schon in der ersten Nacht erfror.
Nach sechzehn Kilometern gelangen wir an einem Parkplatz von dem wir nach Buena Vista fahren können.
Wir haben wieder mal Glück und gleich der erste Fahrer nimmt uns mit und bringt uns bis zum Zeltplatz in der Stadt.
Wir sind wieder mal die einzigen dort und haben den großen überdachten Picknickbereich für uns.
Als erstes wird das Telefon und Zubehör angeschlossen und dann richtet mein Lieblingsmensch unseren Schlafplatz her.
Dann kommt der nächste Schreck: Das zweite Ladegerät wird auch heiß und läd nicht mehr.
Also jetzt haben wir wirklich ein Problem.
Ein neues Ladegerät kaufen.
Aber in Buena Vista gibt es kein Geschäft dafür, dass gibt es erst wieder ein paar Kilometer entfernt.
Am folgenden Morgen fragt mein Lieblingsmensch den Shuttlefahrer mit dem Hund, ob er uns fahren könnte.
Ja er hat Zeit und kommt vorbei. Diesmal ist nur der andere Zweibeiner dabei, der Hund ist zu Hause geblieben.
Wir fahren zunächst zu Walmart, wo mein Lieblingsmensch sich neue Ladegeräte kauft, während ich im Auto wartete und mit Keksen und Wasser versorgt werde.
Dann geht die Fahrt weiter nach Waynesboro, da wo wir eigentlich hinwandern wollten.
Ich glaube mein Lieblingsmensch hat einfach keine Lust mehr und außerdem ist es immer noch so heiß.
Auf dem stadteigenen Zeltplatz ist es zu warm für mich, das Stanimal Hostel ist geschlossen und so haben wir jetzt ein schönes kühles Hotelzimmer.
Muss auch mal sein.
Am nächsten Morgen warten wir auf den Shuttle, der uns zum Trail zurück bringt.
Mein Lieblingsmensch hat noch eine Telefonliste der Trailangels von letzten Mal, die uns Hikern den Shuttleservice angeboten.
Eine supernette Zweibeinerin holt uns ab und bringt uns bis Rockfish Gap, da wo der Sheandoahs Nationalpark beginnt.
Der Appalachian Trail schlängelt sich einhundertsechzig Kilometer durch diesen Park.
Wer im Park im Zelt oder Shelter übernachten möchte, braucht dazu eine Genehmigung, die man sich wohl auch über das Telefon geben lassen kann.
Vor zwei Jahren war es noch anders und man musste am Eingang des Nationalparks einen Zettel ausfüllen und den an den Rucksack hängen. Ganz einfach.
Jetzt geht es nur über das Telefon meines Lieblingsmenschen. Aber irgendwie funktioniert es nicht, und nach mehreren Versuchen, packt mein Lieblingsmensch ihr Telefon ein und wir marschieren ohne Genehmigung los.
Na hoffentlich geht das gut.
Unser erstes Ziel ist der dreizehn Kilometer entfernte Calf Mountain Shelter. Da wir recht spät losgekommen, ist ein halber Tag laufen auch gut und außerdem ist es immer noch sehr warm.
Nachdem wir den ganzen Nachmittag und frühen Abend dort alleine verbracht haben, kommt doch noch ein weiterer Übernachtungshiker dazu. Eigentlich will er gleich weiter, aber es fängt ganz heftig an, zu regnen und so bleibt er also auch über Nacht dort.
Der nächste Tag ist zum Glück nicht ganz so heiß und die Sonne versteckt sich ein wenig hinter den Wolken. So ist der Pfotenlauf von dreiundzwanzig Kilometern recht gut zu schaffen.
Ohne Schwarzbär und Klapperschlange erreichen wir den Blackrock Hut Shelter, wo ich mich von dem langen Weg ausruhen kann.
Wir sind diesmal auch nicht alleine, sondern in Gesellschaft von vier weiteren Hikern, die mich natürlich alle streicheln und kraulen möchten, was mir ganz besonders gut gefällt.
Und wieder laufen! Nimmt das denn gar kein Ende?
Muss das sein? Ja es muss! Von meinem Futter ist nicht mehr viel übrig und selbst die feinen Leckerlies sind aufgefuttert.
Hatte ich mehr Hunger gehabt als sonst oder hat mein Lieblingsmensch für mich zu wenig besorgt?
Egal, ich brauche Futter und so marschieren wir los Richtung Pinefield Hut Shelter. Auf dem Weg dorthin soll es einen Campingplatz mit kleinem Laden geben.
Der Sheandoahs Nationalpark ist touristisch aufgeschlossen, an mehreren Wegpunkten gibt es Campingplätze und Ausflugslokale. Eine Straße, die Skyline Drive, schlängelt sich wie der Trail von Süden nach Norden hindurch.
Und so erreichen wir um die Mittagszeit, den etwas vom Trail abseits gelegenen Camp Store.
Mit Eis, Kaffee, einer Tüte Hundefutter und Keksen kommt mein Lieblingsmensch fröhlich aus dem Store zurück. Es ist wohl auch die einzige Tüte Hundefutter gewesen.
Jetzt sind die nächsten Tage gerettet, zumindest für mich.
Und weiter geht es die felsigen Klippen hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter.
Auch hier oben auf den warmen Steinen treffen wir keine Klapperschlange, die sich sonst ja gerne an solch sonnigen Plätzen aufhält.
Ankunft am Pinefield Hut Shelter nach zweiundzwanzig Kilometern. Endlich Zeit zum Dösen und Kekse futtern.
Der darauffolgende Tag ist wieder sehr warm und ich bin froh im Schatten der Bäume laufen zu können. Mit dem Regen haben wir in letzter Zeit viel Glück. Oft regnet es gar nicht oder wir liegen schon gut geschützt im Zelt.
Aber so viel Glück kann man wohl nicht immer haben. So auch als wir auf dem Weg zum nächsten Shelter wieder einmal an einem Camp Store vorbei kommen sollen.
Während ich ja nun immer noch Kekse vom letzten Store habe, hat mein Lieblingsmensch ihre Leckerlies schon alle aufgegessen und will für Nachschub sorgen.
Der Himmel ist bereits sehr dunkel und ich kann das Donnergrollen hören, was erst weit entfernt und dann immer näher kommt.
Dann beginnt der Regen. Erst ein bisschen und dann richtig viel. Der Camp Store noch nicht erreicht und auch sonst keine Möglichkeit zum unterstellen.
Was bleibt uns anderes übrig, als uns an den Wegesrand zu setzen? Mein Lieblingsmensch breitet das große, rote Regencape über uns aus und so sitzen wir da und warten bis der Regen und das schlimme Gewitter vorbei ist.
Trotz Regendach bleibt an uns nichts trocken, aber ohne würde es bestimmt noch schlimmer sein. Der Pfad neben uns verwandelt sich in sekundenschnelle in einen reißenden Bach und wir mittendrin von Wassermassen umspült.
Der Gewittersturm ist heftig aber recht kurz und jetzt wo der Regen etwas nachlässt können wir klitschnass wie wir sind unseren Weg fortsetzen und bei Nieselregen geht es dann wieder weiter den Pfad entlang, der inzwischen zu einer Wasserstraße geworden ist.
Endlich erreichen wir den Camp Store, der glücklicherweise auch noch geöffnet ist. Mein Lieblingsmensch stärkt sich dort mit Kaffee und Blaubeermuffins bevor es weiter zum Bearfence Hut Shelter geht.
Unser Fell ist bis dahin immer noch nass, aber das wird über Nacht schon trocken werden. Zumindest bei mir.
Mein Lieblingsmensch zieht sich am nächsten Morgen ihr nasses Fell wieder an. Irgendwann wird es trocken sein.
Mit nassen Ersatzfell laufen wir los Richtung Rock Spring Hut Shelter.
Mein Lieblingsmensch will unbedingt im nächsten Ausflugslokal einen Blaubeer Milchshake trinken.
Auf den freut sie sich wohl schon länger und nimmt somit den Umweg dafür gerne in Kauf.
Ich mache mir nicht so viel aus Blaubeeren, ich liege dafür lieber im Schatten neben dem Picknicktisch und sehe dem Treiben der vielen Zweibeiner zu.
Und wieder ein Bär!
Nach dem Milkshake geht es auf schmalen Pfaden dem Shelter entgegen. Während ich fröhlich vorne weg laufe und nicht so sehr auf den Weg achten muss, hat es mein Lieblingsmensch schon schwerer mit zwei Pfoten über die Steine zu steigen.
Und so sieht sie den Bären wohl auch erst recht spät, der uns auf gleichen Pfad entgegen kommt.
Jetzt fragt bloß nicht, warum ich den nicht schon eher gesehen habe. Ich weiß es nicht.
Auf jeden Fall ist der Bär plötzlich da!
Mein Lieblingsmensch fängt wieder einmal zu singen an, klappert mit den Stöcken und dann drehen wir uns um, und laufen ein Stück zurück.
Als wir uns umdrehen ist der Bär plötzlich weg.
Gott sei Dank!
Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir den Shelter.
Bilder vom Bären konnten auf Grund der riskanten Situation nicht gemacht werden.
Dreiundzwanzig Kilometer müssen wir am folgenden Tag zurück legen. Der Weg ist anstrengend, obwohl es gar nicht so heiß ist. Dafür geht es viel bergauf und bergab, die Pfade so felsig, dass mein Lieblingsmensch aufpassen muss, nicht zu stolpern.
Aber am Ende schaffen wir den Weg und werden am Parkplatz eines Picknick Areals von Allison vom Open Arms Hostel abgeholt.
Happy Trails
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